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Herzlichen Glückwunsch zur erneuten Auszeichnung als „Digital Shaper“. Was bedeutet dieser Titel persönlich für Sie?
Diese Auszeichnung bedeutet mir ausserordentlich viel, nicht nur als Bestätigung unserer Arbeit, sondern als persönliches Symbol für einen Weg, der nicht selbstverständlich war. Ich bin als Immigrant in die Schweiz gekommen und habe mir einst versprochen: Arbeite hart, sei jemand, auf den dieses Land stolz sein kann, und hilf anderen auf dem Weg. Zum zweiten Mal als Digital Shaper ausgezeichnet zu werden, zeigt mir, dass dieser Vorsatz Früchte trägt. Es ist keine individuelle Ehrung, sie gehört unserem gesamten Team, unseren Partnern und all jenen, die täglich daran arbeiten, die Schweiz digital sicherer und kompetenter zu machen.
Sie wurden bereits 2023 ausgezeichnet und nun erneut. Was hat sich seitdem für Sie, Ihr Unternehmen oder Ihre Ausrichtung am stärksten verändert?
Ein konkretes Beispiel dafür ist meine Arbeit als Programmdirektor an der Universität St. Gallen: Im CAS-Programm «Cyber Security for Leaders» erlebe ich hautnah, wie Führungskräfte heute nicht mehr nur nach Sicherheitsfragen fragen, sondern zunehmend danach, wie sie KI verantwortungsvoll in ihre Organisationen integrieren können. Im Jahr 2023 war das Swiss Cyber Institute in erster Linie als Zentrum für Cybersicherheitsschulungen bekannt. Seitdem hat sich unser Profil grundlegend gewandelt: KI. Dieser Wandel war keine strategische Entscheidung, die am Reissbrett getroffen wurde, es war eine ehrliche Antwort auf das, was unsere Kunden und die Gesellschaft wirklich brauchen.
Sie sind in der Kategorie „The Defenders“ ausgezeichnet worden. Was bedeutet digitale Sicherheit heute für Sie – und warum ist sie so zentral für die Zukunft?
Digitale Sicherheit ist für mich kein technisches Nischenthema, sie ist die Grundlage des Vertrauens in unsere digitale Gesellschaft. Ohne Sicherheit kein digitales Wachstum, keine Innovation, kein Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in staatliche oder private Institutionen. Was mich besonders antreibt: Das eigentliche Ziel von Cyberangriffen ist nicht die Technologie, es sind die Menschen. Deshalb setzen wir bei der Bildung an. Wer versteht, wie Angriffe funktionieren, wer weiss, wie er sich schützt, der ist kein Opfer mehr, sondern Teil der Lösung. „The Defenders“ zu sein bedeutet für mich: Wir verteidigen nicht nur Systeme, wir stärken Menschen.
Ihr Fokus hat sich stark in Richtung künstliche Intelligenz entwickelt. Wie kam es zu diesem Wandel?
Der Wandel war keine interne Entscheidung, sondern eine Reaktion auf die Realität. Als wir merkten, dass Unternehmen nicht mehr nur wissen wollten, wie sie sich gegen Angriffe schützen, sondern wie sie KI verantwortungsvoll einsetzen, wurde klar: Wir müssen mitgehen. KI dreht sich extrem schnell, schneller als jeder klassische Lehrplan es abbilden kann. Was mich dabei fasziniert: Cybersicherheit und KI sind keine Gegensätze, sie bedingen einander. Wer KI einsetzt, muss ihre Risiken kennen und wer Sicherheit denkt, muss KI verstehen.
Wo sehen Sie aktuell die grössten Chancen für die digitale Zukunft der Schweiz?
Die Schweiz besitzt etwas, das weltweit selten ist: eine Kombination aus politischer Stabilität, exzellenter Forschungsinfrastruktur und einem tief verwurzelten Qualitätsanspruch. Diese Stärken sind im digitalen Zeitalter Gold wert, wenn wir sie richtig einsetzen. Die grösste Chance sehe ich im Bereich vertrauenswürdige KI und Datensouveränität. Wer garantiert, dass KI-Systeme sicher, transparent und ethisch korrekt funktionieren, wird global gefragt sein. Die Schweiz kann hier zum globalen Referenzpunkt werden, nicht als grösster Markt, aber als glaubwürdigster. Das ist eine Positionierung, die kein anderes Land so leicht einnehmen kann.
Welche Technologien oder Trends werden Ihrer Meinung nach in den nächsten fünf bis zehn Jahren besonders entscheidend sein?
Drei Bereiche beschäftigen mich am stärksten: Erstens, generative KI und ihre Integration in kritische Infrastrukturen. Das verändert nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Angriffsfläche für Cyberbedrohungen massiv. Zweitens, Quantencomputing. Noch ist es nicht im Alltag angekommen, aber es wird bestehende Verschlüsselungsstandards fundamental in Frage stellen. Drittens, die Konvergenz von physischer und digitaler Sicherheit; Smart Factories, autonome Fahrzeuge, vernetzte Spitäler. Diese Systeme sind gleichzeitig produktiv und angreifbar. Wer die Sicherheit dieser Schnittstellen nicht ernst nimmt, riskiert nicht nur Datenverlust, sondern reale physische Konsequenzen.
Gab es auf Ihrem eigenen Weg Momente oder Entscheidungen, die besonders prägend für Ihren heutigen Erfolg waren?
Es gab einen Moment früh in meiner Zeit in der Schweiz, der alles verändert hat. Ich stand an einem Punkt, wo ich merkte: Dieses Land hat mir eine Chance gegeben, die ich mir nicht ausgesucht habe – ich muss etwas daraus machen. Das war kein grosses Ereignis, sondern eine innere Entscheidung: Ich werde hart arbeiten, ich werde etwas aufbauen, das anderen hilft. 2019 war es dann soweit – mit dem Swiss Cyber Institute habe ich dieses Versprechen in die Tat umgesetzt. Jede schwierige Phase seither, jede Ablehnung, jeder Rückschlag, hat mich an diesen Moment erinnert. Die Klarheit über das eigene Warum ist die stärkste Ressource, die ein Gründer haben kann.
Welchen Rat würden Sie jungen Unternehmerinnen und Unternehmern oder Talenten geben, die im Tech- oder Digitalbereich etwas aufbauen möchten?
Fang an und fang heute an. Perfektion ist der Feind des Fortschritts. Was ich jungen Gründerinnen und Gründern immer sage: Deine erste Version wird nicht perfekt sein, und das ist gut so. Was zählt, ist die Bereitschaft, zu lernen, anzupassen und trotzdem dranzubleiben. Suche dir ausserdem Mentoren und Netzwerke, nicht um Türen aufgestossen zu bekommen, sondern um zu verstehen, welche Türen sich überhaupt öffnen lassen. Und ganz konkret für den Tech-Bereich: Bau dir digitale Grundkompetenzen auf, auch wenn du nicht Technikerin oder Techniker bist. Wer die Sprache der Technologie spricht, kann sie gestalten anstatt von ihr gestaltet zu werden.
Und ganz persönlich: Was treibt Sie an, sich täglich mit so viel Energie für digitale Bildung und Sicherheit einzusetzen?
Es sind die Menschen. Wenn jemand nach einem unserer Kurse schreibt, dass er einen Cyberangriff auf sein Unternehmen abwehren konnte, dann weiss ich, warum ich das mache. Zahlen und Wachstumsziele motivieren mich als Unternehmer, ja. Aber was mich morgens aufstehen lässt, ist die Überzeugung, dass wir echten Unterschied im Leben echter Menschen machen. Ich habe selbst erlebt, was Bildung und eine Chance bedeuten können. Nun ist es meine Aufgabe, anderen diese Chance zu geben. Jeden Tag, mit so viel Energie wie möglich.
Miranda Diggelmann, Programm Managerin Law & Management, führte das Gespräch mit Samir Aliyev, Founder & CEO Swiss Cyber Institute sowie Programm Direktor des Lehrgangs «Cyber Security für Führungskräfte CSF HSG» im Bereich Law & Management der Executive School der Universität St. Gallen.