{"id":849,"date":"2019-03-11T15:44:48","date_gmt":"2019-03-11T14:44:48","guid":{"rendered":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/?p=849"},"modified":"2019-03-11T15:44:48","modified_gmt":"2019-03-11T14:44:48","slug":"umbruch-oder-evolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/umbruch-oder-evolution","title":{"rendered":"Umbruch oder Evolution?"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Lieber G\u00fcnther, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, unsere Fragen zu den allgegenw\u00e4rtigen Ver\u00e4nderungen im Rechtsmarkt zu beantworten. Wird die Technologie im Rechtsmarkt f\u00fcr einen Umbruch sorgen, wie das technologiegest\u00fctzte Gesch\u00e4ftsmodell von Uber den Taximarkt ver\u00e4ndert hat?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es ist interessant, dass du Uber erw\u00e4hnst, da dies ein perfektes Beispiel daf\u00fcr ist, was meiner Meinung nach auch im Rechtsmarkt potenziell passieren kann, wenn er durch Technologie bereichert und unterst\u00fctzt wird. Die \u00fcbliche Darstellung ist, dass das technologisch versierte Uber den Taximarkt vernichtet hat oder vernichten wird. Nun, das ist nicht ganz richtig oder zumindest nicht ganz so einfach. Ja, das Taximedaillon hat viel an Wert eingeb\u00fcsst \u2013 z.B. hat sich in San Francisco der Umsatz pro Medaillon und damit ihr Wert, wie in derzeit anh\u00e4ngigen Schadensersatzforderungen behauptet wird, fast halbiert. Andererseits ist, wo der gesamte Taximarkt vor Uber in San Francisco j\u00e4hrlich rund 140 Mio. USD einbrachte, der Bruttoumsatz von Uber in San Francisco inzwischen um ein Vielfaches h\u00f6her. Und ich weiss aus pers\u00f6nlicher Erfahrung, dass es dort noch immer Taxis gibt, da ich erst k\u00fcrzlich dort war. Uber &amp; Co haben also v\u00f6llig neue M\u00e4rkte geschaffen und\/oder bestehende M\u00e4rkte erheblich erweitert, indem sie viel mehr als nur ein Taxi sind \u2013 und sie bringen Menschen immer noch mit dem Auto von A nach B. Was ihnen auch gelungen ist, ist Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr diejenigen zu schaffen, die keine Arbeit, aber ein Auto haben (27% der Uber-Fahrer waren vor Aufnahme dieses Jobs arbeitslos), so dass man durchaus auch argumentieren kann, dass sie aufgrund der Dynamik der Sharing Economy erhebliche Wertsch\u00f6pfungsl\u00fccken geschlossen bzw. Werte geschaffen haben, die zuvor nicht genutzt wurden \u2013 ohne an dieser Stelle darauf einzugehen, ob die diesen neuen Modellen zugrunde liegende Einkommensverteilung oder andere damit in Zusammenhang stehende Aspekte fair sind. Laut Boston\u2018s Economic Development Research Group tr\u00e4gt Uber\u2018s Fahrgesch\u00e4ft derzeit 1,6 Milliarden Dollar zur regionalen Wirtschaft von San Francisco bei.<\/p>\n<p><strong><em>Aber was genau l\u00e4sst sich daraus f\u00fcr den Rechtsmarkt lernen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich gehe davon aus, dass das Gleiche im Rechtsmarkt passieren wird \u2013 die wirklich wertvollen Bereiche werden erhalten bleiben, wir werden viel mehr f\u00fcr uns und unsere Mandanten tun k\u00f6nnen, und es werden neue Dienstleistungsbereiche entstehen, die wir bisher noch nicht einmal in Betracht gezogen haben. Andererseits gehe ich davon aus, dass durch mehr Transparenz Elemente wegfallen werden, bei denen der tats\u00e4chliche Mehrwert in Frage gestellt werden kann. Standardisierbare Bereiche werden standardisiert und automatisiert, und dementsprechend werden Arbeitspl\u00e4tze in diesen Bereichen verloren gehen. Zusammengefasst: Auf individueller Ebene werden wir einige Umbr\u00fcche sehen; insgesamt erwarte ich aber statt Disruption eher eine Hyperevolution (nicht zuletzt, weil das vorherrschende Modell der Branche teilweise noch durch Regulierung und Standesrecht definiert (und gesch\u00fctzt) wird. Sollte sich die Regulierung \u00e4ndern, ist mit Umbr\u00fcchen zu rechnen).<\/p>\n<p><strong><em>K\u00f6nnen Anwaltskanzleien \u00fcberleben, indem sie ihre bestehenden Gesch\u00e4ftsmodelle beibehalten?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, dass in bestimmten Bereichen \u2013 Strafverteidigung, Sozialkompetenz-lastige Vertragsverhandlungen oder Scheidungsrecht als Beispiele \u2013 die klassischen Dienstleistungen klassischer Anwaltskanzleien noch einige Zeit Bestand haben werden. Im Wesentlichen in Bereichen, in denen \u2013 wie mein Grossvater einmal sagte \u2013 Menschen im Sinne des lateinischen Ursprungs des Wortes advocatus zu einem Rechtsbeistand kommen, um in einer auf verschiedenen (insbesondere nicht nur rechtstechnisch) schwierigen Situation Hilfe zu erhalten. In diesem Bereich geht es um pers\u00f6nliche Wertsch\u00e4tzung und Vertrauen. Wie dieses erbracht wird, ist zweitranging. In allen anderen Bereichen wird sich die Situation radikal \u00e4ndern. Die guten Zeiten der abrechenbaren Stunden sind dort Vergangenheit. Kunden verlangen flexiblere Honorarmodelle, wollen direkt involviert sein und mehr Transparenz. Die Technologie wird daf\u00fcr im Mittelpunkt stehen. Das derzeitige Partnerschaftsmodell, bei dem der gr\u00f6sste Teil des Gesellschaftskapitals von Senior Partnern kontrolliert wird, die kurz vor dem Ruhestand sind und wenig Anreize haben, die notwendigen Investitionen in die Zukunft zu t\u00e4tigen, ist eindeutig ein Problem. Da Anwaltskanzleien in der Regel nicht mehr so stark wachsen wie fr\u00fcher, wird es auch immer schwieriger, f\u00e4hige Personen zu Partnern zu machen. Karrieremodelle und -anreize m\u00fcssen neu gedacht werden \u2013 insbesondere weil wir ins Zeitalter des \u00abliquiden Talents\u00bb eintreten und eine \u00abgig economy\u00bb Kultur mit ihrer eigenen Wertebasis Einzug in die Arbeitswelt h\u00e4lt und flexibler Besch\u00e4ftigungsmodelle erfordert und zudem bis zu vier Generationen unter einem (immer abstrakter werdenden) Dach und Wertesystem zusammenarbeiten. Also, ja, sie k\u00f6nnen wahrscheinlich \u00fcberleben, aber wenn sie gedeihen und vor allem die F\u00e4higsten f\u00fcr die Zukunft gewinnen wollen, m\u00fcssen sie den Wandel annehmen. Eine negative Einstellung oder gar Angst ist nicht angebracht \u2013 es ist viel mehr Chance als Bedrohung!<\/p>\n<p><strong><em>Wenn sich das Gesch\u00e4ftsmodell \u00e4ndern muss, kann Technologie helfen, erfolgreiche Ver\u00e4nderungen vorzunehmen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Technologie ist eindeutig nicht f\u00fcr alles eine L\u00f6sung. Allerdings kann sie ein grosser Beschleuniger und Vermittler des Wandels sein. In einer Welt, in der alles auf Knopfdruck bestellt werden kann, erwarten die Kunden heute, dass professionelle Dienstleistungen leicht zug\u00e4nglich, transparent, flexibel und kosteng\u00fcnstig sind \u2013 all das kann nur durch den Einsatz von Technologie erreicht werden. Technologie wird auch viel mehr Flexibilit\u00e4t beim Arbeiten erm\u00f6glichen, was bei einer Generation mit zunehmend diversifizierter Talentbasis besonders gut ankommt. Der Einsatz von L\u00f6sungen, die kollaboratives Zusammenarbeiten statt sequentielles Arbeiten erm\u00f6glichen und der \u00dcbergang in ein vollkommen papierloses Umfeld oder die Nutzung von KI-gest\u00fctzten Mitteln, um schneller und besser die Grundlage f\u00fcr juristische L\u00f6sungs- und Entscheidungsfindung zu schaffen, wird die Effizienz und Effektivit\u00e4t verbessern und es letztlich erm\u00f6glichen, mehr wirklich wertvolle Arbeit zu leisten.<\/p>\n<p><strong><em>Welche Ver\u00e4nderungen innerhalb von Kanzleien sind unvermeidlich, um Technologie erfolgreich einzusetzen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt, glaube ich, dass es notwendig sein wird, die Aussch\u00fcttungs- und Investitionsquote zu \u00fcberdenken. Zweitens ist ein Umdenken beim Umgang mit Technik erforderlich. Man sollte sie weder verteufeln noch verherrlichen. Es ist einfach Teil des neuen Normalzustandes. Es l\u00e4sst sich wahrscheinlich am besten durch ein Zitat von der Webseite des Burning Man-Festivals zusammenfassen, das ich zu Beginn aller meiner Pr\u00e4sentationen verwende: \u201eDie angemessene Reaktion auf neue Technologien ist nicht, sich ver\u00e4rgert in die Ecke zur\u00fcckzuziehen und zu schmollen, sondern einfach und neutral zu sagen: \u201eOkay, wie k\u00f6nnen wir uns das jetzt zunutze machen?\u201c\u201c<\/p>\n<p><strong><em>Der Preisdruck in Anwaltskanzleien nimmt zu, vor allem weil alternative Rechtsdienstleister leistungsf\u00e4hige Software einsetzen. Dadurch sind sie viel billiger, schneller und liefern oft eine noch bessere Qualit\u00e4t. Dar\u00fcber hinaus sind Senior Partner in Kanzleien oft nicht daran interessiert, in Zukunftstechnologien zu investieren. Was empfehlen Sie den Kanzleien, um diese Herausforderung zu meistern und im zuk\u00fcnftigen Rechtsmarkt eine relevante Rolle zu spielen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich finde, Technologie ist nur ein Aspekt. Was viele der alternativen Rechtsdienstleister wirklich auszeichnet, ist ihre F\u00e4higkeit wahrhaftig multidisziplin\u00e4re Dienstleistungen global aus einer Hand anzubieten und schnell zwischen verschiedenen Modellen wechseln zu k\u00f6nnen. Ich halte es nicht f\u00fcr unbedingt sinnvoll, zu versuchen, dies zu replizieren, sondern bin der Ansicht, dass eine synergetische Zusammenarbeit in vielen Bereichen Betracht gezogen werden sollte.<\/p>\n<p><strong><em>Nehmen wir an, dass sich das Rechtsmarkt ver\u00e4ndern wird \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob es sich um umbruchartige oder evolution\u00e4re Ver\u00e4nderungen handelt \u2013, welche F\u00e4higkeiten sollten zuk\u00fcnftige Juristen haben, um mit der neuen Welt fertig zu werden?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass sich hier etwas ge\u00e4ndert hat oder je \u00e4ndern wird. Was mir mein Grossvater vor vielen Jahren, als ich mit meinem Jurastudium angefangen habe, sagte, gilt auch heute noch und wird wahrscheinlich f\u00fcr immer g\u00fcltig sein: 60% dessen, was einen guten Juristen oder Anwalt ausmacht, ist die F\u00e4higkeit, Kunden wirklich zuzuh\u00f6ren, Menschen leidenschaftlich helfen zu wollen, neugierig zu sein und gerne Probleme zu l\u00f6sen, 20% machen dann nat\u00fcrlich die Rechtskenntnisse aus und die restlichen 20% sind Erfahrung. Was sich wahrscheinlich \u00e4ndern wird, ist, dass Anw\u00e4lte in Zukunft mehr unternehmerische Denkweise und F\u00e4higkeiten ben\u00f6tigen werden, dass sie mit Begeisterung Technologie einbeziehen m\u00fcssen (wenn man Technologie versteht, kann das helfen, ist aber nicht notwendig \u2013 die meisten Menschen wissen ja auch nicht im Detail, wie das Internet oder Elektrizit\u00e4t funktioniert, aber sie nutzen sie trotzdem), dass sie mehr Zeit in die stetige Weiterbildung investieren m\u00fcssen und nicht in der Illusion ausreichender Mittelm\u00e4ssigkeit leben d\u00fcrfen, denn Transparenz und Wettbewerb werden erheblich zunehmen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_850\" aria-describedby=\"caption-attachment-850\" style=\"width: 144px\" class=\"wp-caption alignright\"><img class=\"wp-image-850\" src=\"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Book-Cover-203x300.jpg\" alt=\"Book Cover: New Suits\" width=\"144\" height=\"213\" 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Guenther Dobrauz-Saldapenna, MBA, ist Partner bei PwC in Z\u00fcrich, Leiter von PwC Legal Schweiz, Mitglied des Global Legal Leadership Teams von PwC und PwC\u2019s Global LegalTech Leader.<\/p>\n","school":{"ID":6,"post_author":"1","post_date":"2017-07-11 10:24:26","post_date_gmt":"2017-07-11 08:24:26","post_content":"Law &amp; Management bietet Weiterbildungen an der Schnittstelle zwischen Recht und Betriebswirtschaft. 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