{"id":2338,"date":"2023-10-23T17:25:38","date_gmt":"2023-10-23T15:25:38","guid":{"rendered":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog?p=2338"},"modified":"2023-10-23T17:30:12","modified_gmt":"2023-10-23T15:30:12","slug":"droht-juristinnen-die-bequemlichkeitsfalle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/droht-juristinnen-die-bequemlichkeitsfalle","title":{"rendered":"Droht Jurist:innen die Bequemlichkeitsfalle?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schutzwall f\u00fcr Jurist:innen<\/strong><\/p>\n<p>Jurist:innen gelten als Wissens- und Vielarbeiter. Im Idealfall zeichnen sie sich vor allem durch vier Besonderheiten aus: fachliche Expertise, langj\u00e4hrige Erfahrung, Schreibkompetenz und Beziehungs- bzw. Kontextwissen. Diese Kennzeichen stellen gleichzeitig auch eine Art Schutzwall gegen Konkurrenz dar. Doch einige der Schutzw\u00e4lle sind bereits gefallen bzw. drohen, es bald zu tun.<\/p>\n<p><strong>Schutzwall 1 ist verschwunden: Fachwissen ist mit Internet demokratisiert worden<\/strong><\/p>\n<p>Vor der Jahrtausendwende galt es noch als ausgewiesene Kompetenz, juristisches Fachwissen in physischen Bibliotheken zu finden. Mit dem Aufkommen des Internets bem\u00fchten sich die Jurist:innen, darauf hinzuweisen, wie unvollst\u00e4ndig und fehlerhaft die elektronische Datenbank sei und die h\u00e4ndische Recherche nicht ersetzen k\u00f6nne (#80\/20-Regel). Fragt man sie heute, stellt man fest, dass sie sehr entspannt im Internet surfen und hierzu erkl\u00e4ren, intelligenter als andere zu googeln (#Prompt Engineer) und die Relevanz der erhaltenen Hits besser beurteilen zu k\u00f6nnen. Der \u00abGral des juristischen Wissens\u00bb wird nicht mehr reklamiert und ist allen einfach und schnell zug\u00e4nglich geworden (#Access to Justice). Die Universit\u00e4tsbibliotheken werden von den Studierenden zwar auch heute noch gerne frequentiert, aber nicht wegen den B\u00fcchern, sondern um in Ruhe zu lernen.<\/p>\n<p><strong>Schutzwall 2 ist stark besch\u00e4digt \u2013 Es wird weniger Erfahrung gesammelt<\/strong><\/p>\n<p>Mit den insbesondere bedingt durch die Pandemie beschleunigten neuen Arbeits- und Arbeitszeitbedingungen (#New Work) sind viele Freiheiten gewonnen worden (z.B. zeitliche Flexibilit\u00e4t, Ortsunabh\u00e4ngigkeit, Teilzeitarbeit). Gerne wird dabei verdr\u00e4ngt, dass damit auch Nachteile verbunden sind, f\u00fcr jeden Einzelnen (#Proximity Bias) und das Unternehmen (z.B. Loyalit\u00e4tsverlust, Administrationsaufwand, rechtliche Konsequenzen). Um zum Beispiel eine quantitative Beurteilung der Folgen von Teilzeit vorzunehmen, muss man kein Mathematiker sein: Wer weniger arbeitet, wird zwangsl\u00e4ufig auch weniger Erfahrung sammeln k\u00f6nnen. Entsprechend ist ein qualitativ schlechteres Arbeitsresultat zu erwarten \u2013 ein Mitarbeiter mit halb so viel Erfahrung wird eine Arbeit weniger gut erledigen. Das f\u00fchrt neben einem zahlenm\u00e4ssigen auch noch zu einem qualitativen Fachkr\u00e4ftemangel. Testen Sie es selbst aus: Fragen sie sich beim n\u00e4chstes Arztbesuch, ob sie lieber vom Teilzeitarzt oder vom erfahreneren Mediziner untersucht werden wollen.<\/p>\n<p><strong>Schutzwall 3 br\u00f6ckelt gerade \u2013 Schreibkompetenz durch KI bedroht<\/strong><\/p>\n<p>Eine Kernkompetenz von Jurist:innen besteht darin, besser als andere schreiben und Texte verfassen zu k\u00f6nnen. Neue Formen von k\u00fcnstlicher Intelligenz (#ChatGPT) laden gerade dazu ein, diese Arbeit ganz, teilweise oder zumindest im ersten kreativen Moment der Denkarbeit an die Technik auszulagern. Je mehr man das macht, desto eher verliert man die eigene Schreibkompetenz und damit das entsprechende Urteilsverm\u00f6gen. Denn wie soll die Plausibilit\u00e4t von \u00fcberzeugend formulierten Texten kritisch beurteilt werden k\u00f6nnen, wenn man keine eigene Erfahrung und Vergleichswerte mehr hat? Um das an einem anderen Bild zu erl\u00e4utern: Wie kann man beurteilen, ob ein Kochrezept gut ist und wie man es ab\u00e4ndern kann und vielleicht sogar muss, wenn man keine eigene Kocherfahrung (mehr) hat?<\/p>\n<p><strong>Schutzwall 4 at risk \u2013 Kontextwissen noch ein Wettbewerbsvorteil<\/strong><\/p>\n<p>K\u00fcnstliche Intelligenz (KI) kann heute aus einer F\u00fclle von Daten beeindruckend gut relevante Informationen suchen und kombinieren (#Syntax). Aber weniger gut ist sie (noch) in der Nutzung der richtigen Begriffe, weil sie die Bedeutung der Worte nicht perfekt versteht (#Semantik). Ferner fehlt ihr insbesondere auch die Kenntnis des f\u00fcr eine Beurteilung relevanten Zusammenhangs. Solches Kontextwissen m\u00fcssen Anw\u00e4lte insbesondere in der Beratung ihrer Kunden besitzen (#Know Your Customer). Sie ben\u00f6tigen es aber auch in der betriebswirtschaftlichen F\u00fchrung ihrer Kanzleien und Rechtsabteilungen (#Legal Operations bzw. #Legal Management). F\u00fcr beide Anwendungsf\u00e4lle ist heute auch Zusatzwissen in Gebieten wie strategische Positionierung, innovative Gesch\u00e4ftsmodelle, Leadership (#H\u00f6hlenmensch), gute Kundenkenntnis (#KYC) und angemessenes Risiko- und Krisenmanagement f\u00fcr einen langfristigen Erfolg unerl\u00e4sslich.<\/p>\n<p><strong>Schutzwall 5 ist (noch) intakt \u2013 Beziehungspflege als letzte Bastion?<\/strong><\/p>\n<p>Man sollte nicht vergessen, dass Auftr\u00e4ge von Menschen erteilt werden, auch wenn sie in Unternehmen arbeiten. Und trotz aller technischen Errungenschaften sind sie H\u00f6hlenmenschen geblieben, die f\u00fcr den direkten menschlichen Austausch weiterhin empf\u00e4nglich bleiben. Die Jurist:innen laufen aber Gefahr, diesen einzigartigen Wettbewerbsvorteil (#USP) zu verlieren. Denn sie m\u00fcssen ihre Arbeit nicht zwingend wie ein Arzt am \u00ablebenden Objekt\u00bb verrichten. Die erforderlichen Sachinformationen k\u00f6nnen auch bequem \u00fcber E-Mail, PDF, Videocall oder Chat ausgetauscht werden. So wird jedoch automatisch auch weniger Erfahrung im Zusammenhang mit menschlicher Kommunikation, Kundenkontakt und Beziehungspflege gesammelt. Damit geht das wichtigste \u00abSchmiermittel\u00bb verloren: die menschliche Beziehung.<\/p>\n<p><strong>Empfehlung: Der s\u00fcssen Versuchung \u2013 \u00fcberlegt \u2013 widerstehen<\/strong><\/p>\n<p>Die juristische Fachexpertise bietet f\u00fcr Jurist:innen im Wettbewerb kein ausreichendes Unterscheidungsmerkmal mehr. \u00dcberdies schaffen neue Arbeitsmodelle nicht nur mehr Flexibilit\u00e4t und Freiheiten, sondern auch Erfahrungsmangel und Distanz zum Kunden und Teammitgliedern. Als Konsequenz davon reduziert sich die N\u00e4he zum Arbeitsplatz, die Loyalit\u00e4t zum Arbeitgeber und die Beziehung zum Kunden. Die mangelnde Unterscheidungskraft und geringere Abh\u00e4ngigkeiten f\u00fchren zu einer erh\u00f6hten Austauschbarkeit \u2013 unter Anw\u00e4lten und in Bezug auf die Technik. Um diese Risiken zu reduzierten sollte nicht nur in Fachexpertise, sondern vermehrt auch in Kunden- und Beziehungspflege investiert und darauf geachtet werden, komplexer zu werden und unternehmerischer zu arbeiten.<\/p>\n<p>Es bleiben folgende Fragen zu beantworten: Werden die neu geschaffenen Gelegenheiten zur Steigerung der Bequemlichkeit in Form von gr\u00f6sseren Datenbanken, h\u00f6herer Geschwindigkeit und KI zwangsl\u00e4ufig auch zu Qualit\u00e4tseinbussen bei Anw\u00e4lt:innen und der juristischen Dienstleistung f\u00fchren? Und wenn ja, wie sollen und k\u00f6nnen Jurist:innen als Unternehmer darauf reagieren? Oder wird gerade der technologische Fortschritt diese M\u00e4ngel kompensieren? Und falls nicht, m\u00fcssen wir uns in unseren M\u00f6glichkeiten selbst limitieren, weil die damit einhergehenden Nachteile zu gross sind? Ich bin gespannt auf ihre Einsch\u00e4tzung!<\/p>\n<p><strong>\u00dcber uns<\/strong><\/p>\n<p>Der Gesch\u00e4ftsbereich \u00abLaw &amp; Management\u00bb der Executive School der Universit\u00e4t St.Gallen (HSG) bietet seit 2007 auf allen Stufen (Wochenseminare, CAS, DAS, Executive Master) aktuell acht Themengebiete als offene Programme und massgeschneiderte Inhouse-Angebote an. Bisher haben mehr als 1600 Teilnehmende die laufend aktualisierten und erweiterten offenen Weiterbildungsformate besucht. Das 2021 eingef\u00fchrte umfassende Weiterbildungsformat ist ein klares Bekenntnis zum lebenslangen Lernen, indem neu alle Kurse konsequent modular aufgebaut sind sowie zeitlich flexibel und gem\u00e4ss individuellen Bed\u00fcrfnissen zusammengestellt werden k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus werden folgende Weiterbildungsziele verfolgt: vielf\u00e4ltige Karriere-Perspektiven und -Optionen kennenlernen, Netzwerke auf- und ausbauen, neue Methoden und Tools erschliessen und generell die eigenen Horizonte erweitern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schutzwall f\u00fcr Jurist:innen Jurist:innen gelten als Wissens- und Vielarbeiter. Im Idealfall zeichnen sie sich vor allem durch vier Besonderheiten aus: fachliche Expertise, langj\u00e4hrige Erfahrung, Schreibkompetenz und Beziehungs- bzw. Kontextwissen. Diese Kennzeichen stellen gleichzeitig auch eine Art Schutzwall gegen Konkurrenz dar. Doch einige der Schutzw\u00e4lle sind bereits gefallen bzw. drohen, es bald zu tun. 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