{"id":2264,"date":"2022-07-07T15:37:29","date_gmt":"2022-07-07T13:37:29","guid":{"rendered":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/?p=2264"},"modified":"2022-07-12T15:39:36","modified_gmt":"2022-07-12T13:39:36","slug":"nachhaltigkeit-esg-als-treiber-fuer-neue-oekosysteme-im-rechtsmarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/nachhaltigkeit-esg-als-treiber-fuer-neue-oekosysteme-im-rechtsmarkt","title":{"rendered":"Nachhaltigkeit (ESG) als Treiber f\u00fcr neue \u00d6kosysteme im Rechtsmarkt?"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich ist Nachhaltigkeit \u2013 und als Ausfluss dessen: \u00abESG\u00bb (Environment, Social, Governance) \u2013 nichts Neues. \u00dcberrascht hat lediglich die Schnelligkeit und Heftigkeit, wie sich das Thema heute dank der \u00abFriday for Future\u00bb-Bewegung, der Corona-Pandemie und der Klimadebatte in der Wirtschaft verankert hat. Wie gehen Rechtsdienstleistende damit um?<\/p>\n<p>F\u00fcr Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen f\u00fchren diese Entwicklungen zun\u00e4chst zu einer erh\u00f6hten Nachfrage nach Rechtsberatung. Aber wer von ihnen wird seine Kund*innen mit mehr als \u00abnur\u00bb Rechtsrat bedienen wollen und sich im Wettbewerb langfristig erfolgreich positionieren k\u00f6nnen? Eines scheint klar: Es reicht nicht, seiner juristischen Spezialisierung einfach das Anh\u00e4ngsel ESG zu verpassen (z.B. Kartellrecht und ESG). Auch wird es nicht gen\u00fcgen, seinen CO2-Ausstoss zu reduzieren. Das gilt wohl kaum schon als <em>Green Legal<\/em>?<\/p>\n<p>Um die eigene Rechtsdienstleistung k\u00fcnftig mit mehr als nur rechtlichem Nutzen bei den Kund*innen einzubringen, haben Rechtsdienstleistende nicht nur den Unterschied zwischen einer Nachhaltigkeitsstrategie und einer nachhaltigen Gesch\u00e4ftsstrategie zu verstehen. Sie sollten insbesondere ihre Kund*innen besser kennen und damit deren Produkte, die Rahmenbedingungen, die Wertsch\u00f6pfungskette und ihre Abnehmenden und Lieferant*innen<em>.<\/em> Heute wird das noch wichtiger, weil ESG als Querschnittsthema verstanden werden muss und nicht einfach in einer einzigen Abteilung verortet werden kann. Ohne entsprechende Sensibilisierung der Jurist*innen f\u00fcr diese Thematik, wird ihr Rechtsrat weiterhin korrekt sein, aber \u2013 aus Sicht der Kund*innen \u2013 nicht immer auch nutzenstiftend wirken. Es stellt sich deshalb die Frage: Wie wird man als Jurist*in zu einem guten, juristisch ausgebildeten Sparring-Partner?<\/p>\n<p>Schliesslich kommt dazu, dass wohl kaum der Rechtsdienst oder eine Anwaltskanzlei alleine das Thema Nachhaltigkeit umfassend abdecken kann. Weitere Expert*innen m\u00fcssen zwingend integriert werden. Wer aber soll das alles f\u00fcr die Kund*innen umfassen anbieten? Hier k\u00f6nnte sich ein Blick auf das Konzept der \u00d6kosysteme als n\u00fctzlich erweisen.<\/p>\n<p><strong>\u00d6kosysteme verbessern die Ergebnisse<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Idee von Unternehmens\u00f6kosystemen arbeiten verschiedene Unternehmen zusammen, um gemeinsam ein Produkt, einen Service oder ein ganzes Leistungsb\u00fcndel bereitzustellen, um das Ergebnis insgesamt zu verbessern. Ein einzelnes Unternehmen k\u00f6nnte dies nicht oder nicht in der gleichen Qualit\u00e4t bereitstellen. Sabine Keller-Busse, President UBS Switzerland, erw\u00e4hnte hierzu k\u00fcrzlich: \u00abWir glauben auch nicht, alles selbst am besten zu k\u00f6nnen \u2013 wo wir andernorts gr\u00f6ssere Kompetenz sehen, arbeiten wir mit Partnern zusammen. (\u2026) Und durch verst\u00e4rkte Kooperation im Rahmen innovativer \u00d6kosysteme lassen sich Skalen- und Netzwerkeffekte schaffen, die letztlich auch der Kundschaft Mehrwert bringen. Darauf kommte es an \u2013 egal in welcher Branche.\u00bb (vgl. NZZ vom 28. Mai 2022, S. 17 der Verlagsbeilage) Und wenn es um die Erbringung von unternehmensinternen Dienstleistungen und die Beschaffung geht, warum diesen Gedanken nicht auch auf die Rechtsbranche \u00fcbertragen?<\/p>\n<p>Schaut man sich den Rechtsmarkt stark vereinfacht an, kann man <strong>drei Gruppen<\/strong> von Rechtsdienstleistenden ausmachen: (1) <strong>Rechtsabteilungen<\/strong>, die das Unternehmen und die Branche und somit ihre Kund*innen am besten kennen sollten, (2) <strong>Anwaltskanzleien<\/strong>, die sich v.a. durch ihre juristische Fachexpertise auszeichnen, und (3) die \u2013 im Vergleich zu den beiden vorgenannten traditionellen Dienstleistenden \u2013 <strong>\u00abalternativen\u00bb Rechtsdienstleistenden<\/strong>, die insbesondere ein ausgepr\u00e4gtes Prozessdenken und bessere Digitalisierungskompetenzen mitbringen (vgl. <a href=\"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wie-kanzleien-und-rechtsabteilungen-die-naechste-welle-ueberleben-koennten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bruno Mascello, Wie Kanzleien und Rechtsabteilungen die n\u00e4chste Welle \u00fcberleben k\u00f6nnten, 6. M\u00e4rz 2018<\/a>, mit Hinweis auf Bruno Mascello, Strategische Positionierung der Kanzlei in Zeiten von Legaltech und Digitalisierung, in: Anwaltsrevue, 1\/2018, S. 18-24). Jeder dieser drei Anbietenden weist also seine ganz eigenen St\u00e4rken auf, aber mit vereinten Kr\u00e4ften w\u00fcrden sie den Kund*innen einen noch gr\u00f6sseren Nutzen erbringen. Wer also den sogenannten \u00abSweet Spot\u00bb besetzt, wo alle drei Anbietenden zusammenkommen, und damit alle Vorteile vereint, wird eine f\u00fcr die Kund*innen viel wertvollere Leistung erbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Nachhaltigkeit als Trigger f\u00fcr mehr Kooperation<\/strong><\/p>\n<p>Unternehmen und selbst Regierungen m\u00fcssen in k\u00fcrzester Zeit eine Antwort auf die Frage bieten k\u00f6nnen, inwiefern sie schon nachhaltig sind bzw. bis wann sie es sein werden. Davon sind auch Rechtsabteilungen als Teil von Unternehmen und Anwaltskanzleien als eigenst\u00e4ndige Unternehmen betroffen. Allein schon die schiere Gr\u00f6sse dieser Herausforderung verlangt nach einem Pooling der verschiedenen Kompetenzen. Ber\u00fccksichtigt man auch noch die geforderte Geschwindigkeit zur Pr\u00e4sentation von L\u00f6sungen, wird ein einzelner Rechtsdienst das nicht selber abdecken k\u00f6nnen. Kund*innen w\u00fcrden es begr\u00fcssen, wenn die drei vorgenannten Gruppen von Rechtsdienstleistenden zusammenspannen und aus einer Hand Rechtsdienstleistungen anbieten k\u00f6nnten. Das vermeidet unn\u00f6tige Schnittstellen, Doppelspurigkeiten, Widerspr\u00fcche und Zeitverlust. Das Thema Nachhaltigkeit (oder ESG) w\u00e4re also bestens pr\u00e4destiniert, um eine neue Art der Wertsch\u00f6pfung auszuprobieren, die allen zugute k\u00e4me.<\/p>\n<p><strong>M\u00f6gliche Optionen zur Kooperation<\/strong><\/p>\n<p>Ich sehe aktuelle folgende Formen von m\u00f6glichen Kooperationen f\u00fcr diese Thematik.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Konzertierte Beschaffung von Rechtsrat<\/strong>: Heute organisieren sich in Rechtsabteilungen t\u00e4tige Jurist*innen bereits in Berufsverb\u00e4nden und tauschen sich rege zu operativen Fragen wie auch zur Beschaffung von Rechtsdienstleistungen aus (vgl. z.B. <a href=\"https:\/\/www.acc.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Association of Corporate Counsel (ACC)<\/a>, <a href=\"https:\/\/cloc.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Corporate Legal Operations Consortium (CLOC)<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.vsuj.ch\/home\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vereinigung Schweizer Unternehmensjuristen (VSUJ)<\/a>). Vielen kleineren Unternehmen fehlt es an der n\u00f6tigen Einkaufs- und Verhandlungsmacht, wenn es darum geht, bessere Konditionen bei Anwaltskanzleien auszuhandeln. Denkt man das Ganze etwas weiter, k\u00f6nnte ein gemeinsamer Einkauf von Rechtsdienstleistungen diesen Marktnachteil ausgleichen und bei entsprechenden Kooperationen von Grossunternehmen noch st\u00e4rker ins Gewicht fallen. Erste solche Aktivit\u00e4ten sind bereits zu beobachten. Es versteht sich nat\u00fcrlich von selbst, dass solche Kooperationen wettbewerbsrechtlich gepr\u00fcft und die Rechtsbeziehungen in der vertraulichen Fallbearbeitung isoliert bleiben m\u00fcssen.<\/li>\n<li><strong>Durch Kund*innen angeordneter Beizug von Dritten<\/strong>: Gerade Anwaltskanzleien erliegen regelm\u00e4ssig der Versuchung, alles selber machen zu wollen. Aber wieso eigentlich? Sie arbeiten ja in der Outsourcingbranche: Sie existieren im Grunde genommen nur, weil ihre Kund*innen Arbeiten zu ihnen auslagern. Wenn wir an \u00d6kosysteme denken, k\u00f6nnten Kund*innen von ihren Zuliefernden also durchaus verlangen, mit anderen Lieferant*innen zusammenzuarbeiten, um auf diese Weise vorteilhafte Effekte zu erzielen. Aus Kund*innensicht (z.B. der CFO eines Unternehmens) w\u00fcrden dann die Rechtsabteilung, die externe Kanzlei und weitere Rechtsdienstleistende (z.B. Big 4, Legal Tech etc.) ein gemeinsames \u00d6kosystem bilden.<\/li>\n<li><strong>Freiwillige Vergr\u00f6sserung des Einfluss- und Kontrollbereichs durch neue Anbietende<\/strong>: Anwaltskanzleien bzw. andere Rechtsdienstleistende k\u00f6nnten die Idee des \u00d6kosystems auch als neues Gesch\u00e4ftsmodell verstehen. Das heisst, dass Dienstleistende nicht nur alle juristischen Fachbereiche aus einer Hand anbietet (klassischer Full Service Provider), sondern er liefert dar\u00fcber hinaus auch die an diese Dienstleistungen ankn\u00fcpfenden Leistungen als erweiterter One-stop-shop. Der Fokus wechselt also von der traditionellen Sichtweise auf juristische Fachbereiche (Stichwort: Spezialisierung bzw. Inside-out Perspektive) zu einer vom umfassenden Bed\u00fcrfnis der Kund*innen getriebenen Sichtweise (Outside-in). Auf diese Weise wird die exzellente Fachexpertise ausgeweitet auf weitere Bereiche, die es im Interesse der Kund*innen abzudecken gilt.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Eigene Marktposition definieren<\/strong><\/p>\n<p>Unternehmen gerade auch im Dienstleistungssektor sind heute bereit bzw. durch die ver\u00e4nderten Rahmenbedingungen eventuell gezwungen, in gewissen Bereichen vermehrt mit anderen zu kooperieren. Dass auch in der Rechtsbranche weitere Effizienzsteigerungen m\u00f6glich sind, wird wohl kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen. Warum also den Gedanken von \u00d6kosystemen nicht auch hier andenken und am aktuellen Thema der Nachhaltigkeit schrittweise ausprobieren? Dadurch k\u00f6nnte es in vielerlei Hinsicht zu einer Win-Win-Situation kommen: bessere Ergebnisse, tiefere Kosten, zufriedenere Kund*innen, weniger Ressourcenverschleiss, mehr Durchl\u00e4ssigkeit bei der Besch\u00e4ftigung, Integration der sogenannten alternativen Rechtsdienstleistenden und \u2013 zumindest f\u00fcr ber\u00fccksichtigte Kanzleien \u2013 mehr Kund*innenbindung und damit mehr Umsatz. Ferner w\u00fcrde eine solche Positionierung bestimmt auch f\u00fcr eine gesteigerte Attraktivit\u00e4t am Rekrutierungsmarkt sorgen.<\/p>\n<p>F\u00fcr strategisch und betriebswirtschaflich orientierte Rechtsdienstleistende mit Fokus auf die Kund*innen und deren Bed\u00fcrfnisse w\u00e4re das also eine perfekte Gelegenheit, um sich rechtzeitig zu positionieren und sich unentbehrlich zu machen. Der Markt bleibt weiterhin spannend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich ist Nachhaltigkeit \u2013 und als Ausfluss dessen: \u00abESG\u00bb (Environment, Social, Governance) \u2013 nichts Neues. \u00dcberrascht hat lediglich die Schnelligkeit und Heftigkeit, wie sich das Thema heute dank der \u00abFriday for Future\u00bb-Bewegung, der Corona-Pandemie und der Klimadebatte in der Wirtschaft verankert hat. Wie gehen Rechtsdienstleistende damit um? F\u00fcr Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen f\u00fchren diese Entwicklungen zun\u00e4chst [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":2265,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"inline_featured_image":false},"categories":[560,51,61],"tags":[],"acf":{"excerpt":"<p>Die Wirtschaft ist in Bewegung und es stellen sich den Unternehmen laufend neue rechtliche Herausforderungen. Den entsprechenden Rechtsrat m\u00fcssen sie sich m\u00fchsam bei verschie-denen Rechtsdienstleistenden zusammensuchen und dann selber zusammenbauen. K\u00f6nnten die aktuellen Forderungen zur Nachhaltigkeit allenfalls dazu f\u00fchren, dass sich der Rechts-markt einmal mehr ver\u00e4ndert, die Rechtsdienstleistenden sich vermehrt als \u00d6kosystem organisieren und die Kund*innen als echten One-stop-shop bedienen? Hierzu folgen ein paar Gedanken von Prof. Dr. Bruno Mascello. <\/p>\n","school":{"ID":6,"post_author":"1","post_date":"2017-07-11 10:24:26","post_date_gmt":"2017-07-11 08:24:26","post_content":"Law &amp; Management bietet Weiterbildungen an der Schnittstelle zwischen Recht und Betriebswirtschaft. 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