{"id":2015,"date":"2021-09-17T19:48:08","date_gmt":"2021-09-17T17:48:08","guid":{"rendered":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/?p=2015"},"modified":"2021-09-17T19:48:08","modified_gmt":"2021-09-17T17:48:08","slug":"who-cares","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/who-cares","title":{"rendered":"Who cares?"},"content":{"rendered":"<p>Die unbezahlte Care-Arbeit f\u00e4llt besonders ins Auge, wenn die Schulen schliessen m\u00fcssen und Homeschooling auf dem Terminplan steht oder auch wenn Familienangeh\u00f6rige unter Quarant\u00e4ne oder Isolation stehen. Hier kommen meistens die Frauen zum Handkuss, indem sie Kinder, Angeh\u00f6rige oder auch Bekannte und Nachbarn betreuen, Erledigungen machen etc. In der Pandemie zeigt sich die Fragilit\u00e4t unseres Wirtschaftssystems: Nicht nur Lieferketten sind unterbrochen, durch Schliessung der Care-Infrastruktur (Krippen, Schulen etc.) steht der Wirtschaft weniger Arbeitskraft zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Das Ausmass der unbezahlten Arbeit ist bereits in einem normalen Jahr enorm. F\u00fcr 2016 weist das Bundesamt f\u00fcr Statistik f\u00fcr die Schweiz 9,2 Milliarden Stunden unbezahlter Arbeit aus. Das sind 16 Prozent mehr, als f\u00fcr bezahlte Arbeit aufgewendet wurde (7,9 Milliarden Stunden). Die gesamte, im Jahr 2016 geleistete unbezahlte Arbeit wird auf einen Geldwert von 408 Milliarden Franken gesch\u00e4tzt. Mit unbezahlter Arbeit sind hier T\u00e4tigkeiten gemeint, die nicht entlohnt werden, theoretisch jedoch durch eine Drittperson gegen Bezahlung ausgef\u00fchrt werden k\u00f6nnten. Darunter fallen Haus- und Familienarbeit, aber auch ehrenamtliche und freiwillige T\u00e4tigkeiten in Vereinen und Organisationen (institutionalisierte Freiwilligenarbeit) sowie pers\u00f6nliche Hilfeleistungen f\u00fcr Bekannte und Verwandte, die nicht im selben Haushalt leben. Dabei \u00fcbernahmen 2016 Frauen 61,3 Prozent des unbezahlten Arbeitsvolumens, die M\u00e4nner dagegen 61,6 Prozent des bezahlten Arbeitsvolumens.<\/p>\n<p>Diese Zahlen sollten uns aufhorchen lassen: Care-\u00d6konomie ist ein gewichtiger Faktor der gesamten Volkswirtschaft, sowohl was die investierte Zeit als auch die finanzielle Dimension angeht. Das Volumen ist beachtlich! Und trotzdem: Das ganze Ausmass der unbezahlten Care-Arbeit ist nirgends im BIP ausgewiesen, in keinem Staatshaushalt scheint sie auf. Feministische \u00d6konominnen arbeiten daran, andere \u00f6konomische Modelle zu entwickeln, die Care-Arbeit im gesamten Staatshaushalt sichtbar machen. In einem Corona-Jahr ist zu erwarten, dass Frauen einen noch gr\u00f6sseren Teil an unbezahlter Arbeit \u00fcbernehmen. Darauf weisen auch Ergebnisse von Untersuchungen der UN Women hin: Frauen verbringen jetzt noch mehr Zeit mit Kindererziehung und Hausarbeit. Daten aus 38 L\u00e4ndern weltweit zeigen, dass Frauen die Hauptlast f\u00fcr zus\u00e4tzliche Kinderbetreuung und h\u00e4usliche Pflichten tragen, die auf die Pandemie zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. Deswegen warnt UNO-Generalsekret\u00e4r Ant\u00f3nio Guterres:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Covid-19-Krise droht, das [in Hinblick auf Gleichstellung von Mann und Frau] Erreichte zu untergraben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aber: Care-Arbeit ist nicht nur von der Organisation in der Familie abh\u00e4ngig. Das Modell des \u201eCare Diamond\u201c (Razavi 2007) benennt vier institutionelle Bereiche: Haushalt\/Familie, Staat\/\u00f6ffentlicher Sektor, Markt (Profit-Sektor) und Non-Profit-Sektor. Der Care Diamond zeigt, dass Care-Arbeit abh\u00e4ngig ist vom Spannungsfeld und den Dynamiken zwischen den vier institutionellen Bereichen. Die Familien bzw. die Haushalte sind nicht die einzigen Player in diesem Gesch\u00e4ft. Staatliche Regelungen, Wirtschaft etc. nehmen ebenso Einfluss auf die unbezahlte Arbeit. W\u00fcrde z. B. das Angebot im Bereich der Kinderbetreuung in der Schweiz verdoppelt (Markt und\/oder Non-Profit-Sektor) und wesentlich g\u00fcnstiger verf\u00fcgbar gemacht, z. B. durch staatliche Subventionen, dann ver\u00e4ndert das die Situation in den Familien. Es wird dann leichter m\u00f6glich, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten. Care-Arbeit w\u00fcrde sich dann wahrscheinlich st\u00e4rker von der Familie weg verlagern, und der Wirtschaft st\u00fcnden mehr Arbeitskr\u00e4fte und diese zeitlich l\u00e4nger zur Verf\u00fcgung. Auch die Einf\u00fchrung einer 30-Stunden-Woche f\u00fcr alle k\u00f6nnte zu einer ausgewogeneren Verteilung der Care-Arbeit zwischen Frauen und M\u00e4nnern beitragen. Bei diesem Ansatz werden mehr Care-Ressourcen in der Familie freigesetzt, vor allem bei den M\u00e4nnern. F\u00fcr Unternehmen w\u00e4ren aber Frauen und M\u00e4nner als Arbeitskr\u00e4fte gleich wertvoll, da beide auch Grenzen aufgrund der geleisteten Care-Arbeit haben.<\/p>\n<p>Die weiter oben angef\u00fchrten Zahlen zeigen: Wirtschaft ist nur m\u00f6glich mit unbezahlter Care-Arbeit im Hintergrund. Es w\u00e4re also im Interesse der Wirtschaft und von uns als F\u00fchrungsfrauen, in bezahlte Care-Arbeit zu investieren. Die Betreuungsinfrastruktur spielt dabei eine wichtige Rolle. In Regionen mit gutem Kinderbetreuungsangebot arbeiten Frauen dreimal so h\u00e4ufig Vollzeit wie in Regionen, in denen es an Kinderbetreuungsangeboten mangelt. Vollzeitarbeit bei Frauen verbessert wiederum deren Aufstiegschancen in Unternehmen. Dies wirkt vertikaler Segregation entgegen. Gleichzeitig sollte bezahlte Care-Arbeit aufgewertet und besser entlohnt werden. Care-Berufe kommen bei der Berufswahl f\u00fcr junge M\u00e4nner oft gar nicht erst in den Blick, weil sie schlechter bezahlt sind. Eine ausgeglichenere Gestaltung der L\u00f6hne im Care-Sektor kann horizontaler Segregation entgegenwirken. Wenn wir im letzten Jahr etwas gelernt haben, dann das: Bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit sind systemrelevant. Es lohnt sich, dass wir uns f\u00fcr beides engagieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6>Dieser Beitrag erschien erstmals im <a href=\"https:\/\/ladiesdrive.tv\/\">Magazin Ladies Drive<\/a>.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die unbezahlte Care-Arbeit f\u00e4llt besonders ins Auge, wenn die Schulen schliessen m\u00fcssen und Homeschooling auf dem Terminplan steht oder auch wenn Familienangeh\u00f6rige unter Quarant\u00e4ne oder Isolation stehen. 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Wir F\u00fchrungsfrauen sollten das gelegentlich wieder in entsprechenden Gremien in Erinnerung rufen.<\/p>\n","school":false},"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2015"}],"collection":[{"href":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2015"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2015\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2040"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2015"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2015"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2015"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}