{"id":1734,"date":"2020-08-12T13:55:12","date_gmt":"2020-08-12T11:55:12","guid":{"rendered":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/?p=1734"},"modified":"2020-08-12T13:55:12","modified_gmt":"2020-08-12T11:55:12","slug":"systemrelevant-und-trotzdem-schlechter-bezahlt-ein-erklaerungsversuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lam.unisg.ch\/blog\/systemrelevant-und-trotzdem-schlechter-bezahlt-ein-erklaerungsversuch","title":{"rendered":"Systemrelevant und trotzdem schlechter bezahlt: Ein Erkl\u00e4rungsversuch"},"content":{"rendered":"<p>\u201eObwohl meine Handlungen \u00fcber Leben und Tod entscheiden, verdiene ich in etwa gleich viel wie ein ausgelernter Kaufmann ohne jegliche Verantwortung\u201c, erz\u00e4hlt Anna, 27 Jahre alt und seit kurzem diplomierte Pflegefachfrau. Als solche arbeitet Anna in einem systemrelevanten Bereich \u2013 das wurde vor allem w\u00e4hrend der Corona-Krise klar. Aber wer und was als systemrelevant gilt h\u00e4ngt nicht zuletzt vom Kontext ab. Relevant f\u00fcr das System \u2013 notwendig, um unsere Gesellschaft zu erhalten \u2013 sind auf l\u00e4ngere Sicht fast alle Berufe, egal ob Handwerker oder Strategieberater.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201esystemrelevant\u201c wurde w\u00e4hrend der Finanzkrise 2008 erstmals breitfl\u00e4chig verwendet. In der damaligen Krise wurden bestimmte Banken als systemrelevant kategorisiert und in der Folge mit Staatsgeldern gest\u00fctzt. Jetzt, w\u00e4hrend der Covid-19 Pandemie, gelten ganz andere Einrichtungen und ihre Mitarbeitenden als systemrelevant: <a href=\"https:\/\/www.kihz.uzh.ch\/dam\/jcr:a1573e36-c6e2-438a-88cf-41031f094716\/20200317_Informationsschreiben_Krippen_Corona_Bildungsdirektion.pdf\">vor allem in den Bereichen Gesundheit, Sicherheit, Verkehr, Logistik und Kinderbetreuung.<\/a><\/p>\n<p>Viele Angestellte, die in sozialen Bereichen arbeiten oder andere wichtige G\u00fcter herstellen, tummeln sich aber eher am Ende der Lohnkette. Anna h\u00e4lt dies f\u00fcr den Ausl\u00f6ser der vielen Diskussionen rund um die Verg\u00fctung im Pflegebereich. \u201eMenschen stehen auf ihren Balkonen und klatschen w\u00e4hrend der Corona-Zeit f\u00fcr uns, aber gleichzeitig wird die<a href=\"https:\/\/www.pflegeinitiative.ch\/\"> Pflegeinitiative der SBK<\/a> in der Politik \u00fcberhaupt nicht ernstgenommen\u201c, \u00e4ussert sie entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>An Anerkennung im Pflegeberuf fehle es ihr eigentlich nicht, sagt Anna. \u201eIch werde von meinen Patienten und Patientinnen sehr gesch\u00e4tzt und bekomme viel Anerkennung auf pers\u00f6nlicher Ebene.\u201c Nur eben die Wertsch\u00e4tzung der Politik fehle, was sich in den tiefen L\u00f6hnen widerspiegele.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Unterschiedliche Gr\u00fcnde f\u00fcr Lohnunterschiede<\/strong><\/p>\n<p>Es existieren verschiedene Arten von Anerkennung. Dr. Stephan Hostettler, Verg\u00fctungsexperte und Gr\u00fcnder von HCM International, spricht \u00fcber drei Arten von Anerkennung bei Angestellten: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HSagjRh2DXI\"><em>Feedback, Developement und Pay<\/em>.<\/a> R\u00fcckmeldungen zur geleisteten Arbeit sowie Zukunftsaussichten im Beruf haben neben der Verg\u00fctung Einfluss auf die Mitarbeiterzufriedenheit. Aber was hat das jetzt genau mit den niedrigen L\u00f6hnen in den momentan systemrelevanten Bereichen zu tun?<\/p>\n<p>Befasst man sich mit Gr\u00fcnden f\u00fcr Lohnunterschiede, denkt man zuerst an Umst\u00e4nde, die mit der Funktion des jeweiligen Berufes zusammenh\u00e4ngen \u2013 funktionale Argumente also. Dazu geh\u00f6ren beispielsweise die Ausbildungszeit, das ben\u00f6tigte Wissen f\u00fcr die Aus\u00fcbung der Arbeit und die Verantwortung, welche es in der jeweiligen Funktion zu tragen gilt. Andererseits aber auch die Kapitalverf\u00fcgbarkeit und die Finanzierungsweise des Arbeitgebers \u2013 also wie gut dieser finanziell dasteht. Kurz: Je wichtiger meine Position und je mehr Geld in meinem Gesch\u00e4ftsbereich vorhanden ist, desto mehr Lohn bekomme ich \u2013 das klingt erstmal ganz logisch.<\/p>\n<p>Diese funktionale Dimension erkl\u00e4rt viele relative Lohnunterschiede, z.B. wieso eine Kassenmitarbeiterin oder eine Reinigungskraft weniger verdienen, als ein Arzt. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang auch die systematisch niedrigeren L\u00f6hne von Frauen.<\/p>\n<p>Ein Blick auf Berufe im sozialen Bereich, bei denen viel Verantwortung und eine lange Ausbildungszeit selbstverst\u00e4ndlich dazugeh\u00f6ren, macht klar: Die funktionale Dimension allein reicht nicht als Erkl\u00e4rung f\u00fcr tiefere L\u00f6hne. Lehrer, Kinderbetreuer oder im Fall von Anna auch Pflegefachkr\u00e4fte brauchen h\u00e4ufig mehrere Jahre Ausbildung und bekommen viel Verantwortung. Sich t\u00e4glich um andere Menschen zu k\u00fcmmern stellt eine grosse psychische Belastung dar und soziale und p\u00e4dagogische Berufsgruppen sind nicht ohne Grund stark burnout-anf\u00e4llig. Es m\u00fcssen also noch andere lohnentscheidende Gr\u00fcnde existieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sind die Rahmenbedingungen wichtiger?<\/strong><\/p>\n<p>Nicht zu untersch\u00e4tzen ist hierbei die Rolle der Kultur, des Arbeitsklimas und der dadurch entstehenden Erwartungen der Angestellten in der Verg\u00fctungspolitik. Diese kulturelle Dimension entscheidet dar\u00fcber, wie wichtig die unterschiedlichen Arten von Anerkennung \u2013 R\u00fcckmeldung, Entwicklung und Bezahlung \u2013 sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr Anna ist das Feedback der Patienten und diesen helfen zu k\u00f6nnen Motivation genug, in der Pflegebranche zu arbeiten. Die Arbeit erf\u00fclle sie, auch ohne hohe monet\u00e4re Verg\u00fctung. &#8222;Wenn ich mega viel verdienen wollte, h\u00e4tte ich etwas anderes gelernt oder mich jetzt noch umschulen lassen. Ich bin momentan schon zufrieden so&#8220;, meint sie. Wenn Anna etwas an ihrem beruflichen Alltag \u00e4ndern k\u00f6nnte, dann w\u00fcrde sie mehr Pflegepersonal einstellen damit sie sich mehr Zeit f\u00fcr die einzelnen Patienten nehmen d\u00fcrfte. Ihren Anspr\u00fcchen den Patienten gerecht werden zu k\u00f6nnen, sei f\u00fcr sie wichtiger, als ein paar Franken mehr zu verdienen.<\/p>\n<p>Auch im p\u00e4dagogischen Berufsfeld werden kleinere Klassen und mehr personelle Unterst\u00fctzung gefordert, um den Alltag der Kinder verbessern zu k\u00f6nnen. Der monet\u00e4re Verdienst wird oft in den Hintergrund gestellt. Paradoxerweise bedeutet dies vor allem f\u00fcr soziale Berufe, dass die Motivation und Anerkennung in diesen Berufsfeldern gleichzeitig eine hohe Belastung und einer Erkl\u00e4rung f\u00fcr die niedrigere Verg\u00fctung darstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00c4nderungen in Sicht?<\/strong><\/p>\n<p>Dass in den angesprochenen Berufsfeldern vergleichsweise wenig Lohn bezahlt wird, <a href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/arbeit-erwerb\/loehne-erwerbseinkommen-arbeitskosten\/lohnniveau-schweiz\/salarium.html\">l\u00e4sst sich einfach \u00fcberpr\u00fcfen<\/a>. Es ist unbestritten, dass diese Berufe w\u00e4hrend der Krise immer wichtiger geworden sind, sich ihre Verg\u00fctung aber nicht angepasst hat.<\/p>\n<p>Wieviel Geld am Ende des Monats auf dem Konto landet, hat viele verschiedene Gr\u00fcnde \u2013 \u201eSystemrelevanz\u201c ist momentan keiner davon. Die aktuelle Diskussion zeigt aber, dass bei den Besch\u00e4ftigten das Bed\u00fcrfnis w\u00e4chst, h\u00f6here L\u00f6hne einzufordern. So k\u00f6nnte das Argument der Systemrelevanz indirekt tats\u00e4chlich zu einer besseren Bezahlung beitragen: indem sie Besch\u00e4ftigte motiviert, der Entlohnung k\u00fcnftig gr\u00f6sseres Gewicht beizumessen.<\/p>\n<p>Die einzige Schwierigkeit: Sobald SARS-CoV-2 in den Hintergrund r\u00fcckt, werden wieder andere Themen die \u00f6ffentliche Agenda bestimmen. Die Rufe nach fairer Verg\u00fctung m\u00fcssen dann sehr laut bleiben, um weiterhin geh\u00f6rt zu werden \u2013 und eine Ver\u00e4nderung herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eObwohl meine Handlungen \u00fcber Leben und Tod entscheiden, verdiene ich in etwa gleich viel wie ein ausgelernter Kaufmann ohne jegliche Verantwortung\u201c, erz\u00e4hlt Anna, 27 Jahre alt und seit kurzem diplomierte Pflegefachfrau. 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